Name Querkopf ist Programm
Calw. Eine gelöste Stimmung liegt über dem Marktplatz. Ohne Eile trudeln die Gäste in der österreichischen Enklave »Binderei« ein. Man begrüßt sich, plaudert und sitzt dank angenehmer Temperaturen noch ein wenig im Freien. Allmählich machen es sich die Besucher im lauschigen Saal bequem, und schließlich ist der Raum bis auf den letzten Platz belegt. Jeder hat einen guten Tropfen vor sich, das Licht ist gedämpft. In dieser gelösten Clubatmosphäre tritt die sechsköpfige Jazzformation »Querkopf« um den Ausnahmegeiger Zipflo Weinrich auf die Bühne. »Querkopf« – dieser Name ist Programm, denn hier haben sechs Musiker zusammengefunden, die beim Spielen denken – und das ziemlich unkonventionell. Allein in der Kombination der Instrumente steckt viel Eigensinn: Direkt neben Wolfi Rainers Schlagzeug hat Percussionist Rainer Gradischnig seine Congas aufgebaut, und in der Melodieführung umgarnen sich die gegensätzlichen Stimmen von Zipflo Weinrichs Violine und Herwig Gradischnigs Saxophon. Unterlegt ist das Ganze mit dem Keyboardsound von Mike Tiefenbacher und Eddy Mayrs E-Bass. Die musikalischen Wurzeln Weinrichs sind der Gipsy-Jazz, »denn wie in wohl jeder Sinti-Familie hatten auch wir eine Django-Reinhardt-Platte zu Haus«, erzählt er. Doch was die Querköpfe zu Gehör bringen, lässt sich vielmehr als Modern Jazz mit Exkursionen zu Bebop und Modal Jazz beschreiben, eine Reise, die ohne Zögern auch in die Grenzgebiete von Funk, Soul, afrikanischer oder kubanischer Musik führt. Was diese heterogene Elemente zusammen funktionieren lässt, ist die Brillanz der einzelnen Musiker, die selbst bei wahnwitzigem Tempo akzentuiert, präzise und mit feinem Gespür fürs Gesamtgefüge spielen. Immer wieder verschafft die Band ihrem energiegeladenen Temperament Luft. Ruhiger, aber nicht minder einnehmend, ist der von Weinrich komponierte und arrangierte Titel »miri meschenge«, was übersetzt »Für meine Sippe« bedeutet. Hier verschmelzen, begleitet von lateinamerikanischen Rhythmen, die Soli von Geige und Saxophon zu verspielten Duetten, die jederzeit jazzig und nie zuckrig klingen. Dass die Geige sich in dieser Klangfülle behaupten kann, wird durch Weinrichs besondere Haltung des Bogens möglich, die der barocken Technik ähnelt und ihm ein besonders weiches und artikuliertes Spiel erlaubt. Oder er wendet eine spezielle Pizzicato-Technik an, bei der er die Violine wie eine Gitarre hält. Mit »Querkopf« hat Christine Binder erneut eine exquisite Wiener Spezialität nach Calw geholt – und das begeisterte Publikum dankt es ihr und der Band mit begeistertem Lob und Applaus. Von Marieke Henriques
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